Am vergangenen Wochenende hatte ich Cordelia Röders-Arnold des Berliner Start-Ups einhorn zu Besuch. Cordelia hat vor etwa einem Jahr „aus Versehen“ eine virale Umfrage zum Thema Menstruation gestartet und mit über 20.000 Antworten festgestellt, wie viel Redebedarf es zu diesem Thema zu geben scheint. Heute leitet sie im Unternehmen genau hierzu einen neuen Geschäftsbereich und bringt nicht nur neue Produkte (z.B. fair produzierte Tampons und Menstruationstassen) auf den Markt, sondern möchte auch den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema grundlegend verändern.

Wir haben in einem offenen, wirklich schönen Interview voller hilfreicher Informationen für den Female Leadership Podcast von Frau zu Frau für Mann und Frau über Tabus am Arbeitsplatz und Menstruation im Business gesprochen.* Ich habe davor und auch danach so viel darüber nachgedacht, wie und ob ich über dieses Thema sprechen kann. Ist das wirklich etwas, das an den Arbeitsplatz gehört? Wie reagieren die männlichen Hörer darauf? Schämen sich andere, schäme ich mich?

Unsere Körperlichkeit und Emotionalität ist Teil der Arbeit

Es ist SO(!) interessant, wie schambehaftet der Umgang mit Körperlichkeit, wirklich sachlicher Biologie, sein kann. Auch für mich persönlich. Für mich, der Gleichberechtigung, Empowerment und Freiheit so wichtig ist.

Und das, obwohl ich es für so wichtig halte, dass wir offen damit umgehen. Dass wir uns nicht mit Schmerzen quälen, verlernen auf unseren Körper zu hören oder uns mit Schmerztabletten betäuben. Jeden Monat. Jedes Jahr. Immer wieder. Um zu funktionieren. „Wir sind keine Roboter“ sagte Cordelia. „Klar, sind wir das nicht“ – ist vielleicht die erste Reaktion. Doch, lebe ich wirklich danach? Kommt mein Körper zu Wort? Leben wir nicht in diesem Punkt genau das Gegenteil von New Work, Zusammenarbeit und moderner (Selbst-)Führung?

Menstruation muss nicht intim sein

Natürliche Vorgänge des Körpers können wir sachlich besprechen, ohne persönlich zu werden. Auch indem wir die Ebenen von Biologie, Sexualität und Intimität klar trennen. Diese Erkenntnis hat mir persönlich sehr geholfen, offener mit diesem Thema umzugehen. Denn das Thema Menstruation, das ist mir in den letzten Tagen bewusst geworden, ist heute immer noch ein Tabuthema (im Jahr 2018!). Ja, ich habe einen Körper und menstruiere. Das ist nichts Intimes. Das bin einfach nur ich.

Menstruation muss nicht intim sein. Intimität auf einen biologischen Vorgang zu reduzieren, wird ihr mit Sicherheit nicht gerecht. Intimität ist so viel mehr. Und, nein, sie ist auch nicht gleich Sexualität.

Wir brauchen sachliche Aufklärung und Wissen für unser Zusammenleben und -arbeiten

Die Autorin und Rechtsanwältin Seyran Ates schreibt in „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution: Eine Streitschrift“ genau darüber. Als ich das Buch vor einigen Jahren gelesen habe, hat es mir auf so vielen Ebenen die Augen geöffnet. Es geht dabei auch um so viele weitere Dimensionen, als den Islam. Der offene, schambefreite Umgang mit Körperlichkeit und auch mit Sexualität ist Grundlage dafür, dass wir uns gleichberechtigt begegnen können. Wir brauchen Aufklärung. Wir brauchen Verständnis, darüber wie unsere Körper funktionieren. Wir brauchen Verständnis für andere Menschen und darüber, wie deren Körper funktionieren. Vor allem dann, wenn – wie bei Frauen und Männern – einige Prozesse nun mal unterschiedlich ablaufen.

Wissen ist der Weg zu Verständnis und Wachstum

Das Wissen ist wichtig: Es hilft uns, uns selbst und andere zu verstehen. Ein paar Beispiele: Die Frau versteht, warum sie Schmerzen hat. Sie kann lernen und verstehen, wann diese Schmerzen besorgniserregend sind und wann normal. Sie versteht, in welchen Tagen im Monat, sie welche Aufgaben besonders gut erledigen kann. Sie erlaubt sich, ihre Schmerzen nicht zu betäuben, oder Gefühle wegzudrängen, sondern anzunehmen. Sie erlaubt sich, so zu sein, wie sie ist.

Der Mann versteht, dass die Frau kein magisches, unberechenbares Wesen, keine Hexe, kein Drachen, keine hysterische Person ist sondern ein Mensch. Bei dem in mancherlei Hinsicht – z.B. hormonell – Prozesse etwas anders ablaufen. Er versteht, dass er auch Hormone hat. Dass er auch Gefühle hat, die er annehmen kann. Dass er auch auf körperliche Signale hören kann. Dass er auch nicht immer funktionieren muss. Dass er sich auch so annehmen darf, wie er ist. Dass er sich erlauben darf, so zu sein, wie er ist.

Alles kann, nichts muss

Die Ebenen von Sexualität, Intimität und Biologie zu trennen, ist wichtig. Damit wir verstehen, dass das offene Sprechen über unsere Biologie dabei hilft, dass wir uns weiterentwickeln können. Als aufgeklärte Gesellschaft. Dazu brauchen wir den Mut, bestehende Tabus zu brechen. Dazu brauchen Wissen, um Bewusstsein zu schaffen. Wir brauchen Klarheit darüber, dass ich meine Körperlichkeit, meine Sexualität und meine Definition von Intimität trennen kann. Jeder und jede für sich.

Jede und jeder kann für sich die Ebenen auseinander dividieren und herausfinden, was intim ist, wo Grenzen verlaufen, worüber er oder sie sprechen möchte. Und worüber nicht. Du kannst entscheiden und ausprobieren, was für dich funktioniert. Was sich gut anfühlt. Ob du offen kommunizierst, dass du deine Tage hast und heute von Zuhause arbeitest. Oder eben nicht. Du kannst entscheiden, was dir zu intim ist, und was eben auch nicht. Alles kann, nichts muss.

Es geht nicht darum, dass du der Welt erzählst, dass du deine Tage hast.

Es geht darum, dass es keinen Grund geben sollte, warum du es nicht erzählst.

Denn was sollte uns davon abhalten? Wer entscheidet, was wir sagen dürfen und was nicht? Wer entscheidet, wofür wir uns schämen? Warum schämen wir uns? Scham ist ein lähmendes Gefühl. Scham basiert auf Angst. Scham kann hemmen. Entwicklung, Fortschritt, Gemeinschaft. Scham kann insturmentalisiert werden.

Ich merke immer mehr: Es ist an der Zeit es zu verstehen. Die Scham zu verstehen und zu überkommen. Um weiterzugehen. Zu neuen Themen; gemeinsam. Es ist an der Zeit, dieses scheinbar für’s Business „nicht wichtige“ Thema anzusprechen. Denn es könnte sein, dass wir auf dieser Reise des Verständnisses uns besser verstehen. Dass wir Männer und Frauen uns und unseren Blick auf die Welt besser verstehen. Dass aus diesem Verständnis Raum für Neues, anderes, erwächst. Und dass wir uns nicht mehr mit biologischen Unterschieden – bewusst oder unbewusst – aufhalten, sondern gemeinsam vorangehen.

Let’s get over it to move on

Und ja, vor dieser Reise, vor den Tabus und der Scham, habe ich manchmal Respekt. Ziemlich großen sogar. Doch ich merke mit jedem Schritt, den ich gehe: Vielmehr habe ich Lust, diesen Weg einfach zu gehen. Gemeinsam. Mit allen, die sich anschließen. Die wie Cordelia so mutig sind, neugierig nachzufragen, aufmerksam zuzuhören und gemeinsam zu gehen. Ich freue mich so sehr, zu sehen, wohin uns das alles führt.

# Post_Bloody Business_20180917
Cordelia und Vera beim Podcast-Interview in Hamburg im September 2018

*Das Interview mit Cordelia zum „Bloody Business“ erscheint im Oktober im Female Leadership Podcast. Bis dahin kannst du hier schon, in alle anderen Folgen des Podcast reinhören.

 

Kommentar verfassen